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Fasten
Mehr als weniger am Teller
In unserer Welt voller Überfluss bieten sich während der Fastenzeit eine üppige Fülle an Möglichkeiten zur Enthaltsamkeit. Im Vordergrund steht der Wunsch nach Besinnung auf das Wesentliche, Selbstreflektion bis hin zur Meisterung einer besonderen Herausforderung. So sind neben Alkohol- und Schokoladeabstinenz der Verzicht auf Auto, Fernsehen oder Handykonsum (Digital-Detox) in diversen Kanälen dokumentiert. Das eigentliche körperliche Fasten durch Nahrungsverzicht wurde dadurch in der Fastenzeit in den Hintergrund gerückt. Dabei kann Nahrungs-Fasten einen festen Bestandteil in der Gesundheitsfürsorge spielen.
Über Jahrhunderte hinweg hat sich Fasten mit spirituellem Hintergrund in verschiedenen Kulturen und Religionen etabliert. Ebenso lange kennen wir das Fasten aus gesundheitlichen Gründen, heute auch therapeutisches oder Heil-fasten genannt. Schon Hippokrates schrieb: „Eure Nahrung sei Euer Pharmakon, und Euer Heilmittel sei Eure Nahrung. Die vornehmste aber und wirkungsvollste Art, Euren inneren Arzt wirken zu lassen, besteht im Weglassen aller Nahrung, also in der Entsorgung des Körpers und der damit verbundenen Mobilisierung körpereigener Heilkräfte.“ Auch andere Kundige wie etwa Hildegard von Bingen kannten die positiven Wirkungen des Nahrungsverzicht.
Dieses alte Wissen ist mittlerweile durch zahlreiche Studien belegt. Durch den Verzicht auf Nahrung, wechselt der Stoffwechsel nach ein bis zwei Tagen wie auf Sparflamme. In diesem Zustand reduziert sich der Blutdruck, Kreislauf und Herz werden entlastet. Der Organismus nutzt dabei seine Energiereserven aus Eiweiß, Fett und Kohlenhydraten. Zunächst werden die Kohlenhydratspeicher genutzt, die sich in der Leber und den Muskeln befinden. Danach greift der Körper auf Fett und schließlich Eiweiß zurück. Nun werden als Energielieferanten sogenannte Ketonkörper herangezogen. Bei der Verbrennung brauchen diese weniger Sauerstoff und damit bilden sich weniger Radiale.
Ein weiterer positiver Aspekt des Fastens ist die Verbesserung der Autophagie, einem wichtigen Prozess in jeder Zelle. Diese zelluläre Wiederverwertung ist ein hochkomplexer Prozess, dessen fehlen sich in verschiedenen Krankheiten zeigen kann. Die Nahrungsreduktion verbessert somit den Blutfett- und Blutzuckerspiegel sowie die Insulinempfindlichkeit. Fasten hat daher eine positive Wirkung auf Arteriosklerose. Ferner wirkt es entzündungshemmend und hilft bei Erkrankungen wir Arthrose, Rheuma oder chronischen Darmerkrankungen. Während des längeren Fastens produziert der Körper Glückshormone, insbesondere Endorphine, um das Hungergefühl erträglicher zu machen. Viele Menschen erleben das Fasten als Reinigungsprozess für Körper und Geist, berichten ferner von einer erhöhten Konzentration und Klarheit.
Eine der am weitesten verbreiteten Formen ist das intermittierende Fasten. Dabei wird innerhalb bestimmter Zeitfenster gegessen und in anderen auf Nahrung zu verzichten. Diese Methode erfreut sich zunehmender Beliebtheit, da sie leicht in den Alltag integriert werden und die Phasen des Nahrungsverzichts kurz sind. Ebenfalls beliebt ist das Basenfasten. Dabei liegt der Schwerpunkt auf einer Nahrungsumstellung Richtung Obst und Gemüse. Unabhängig von der Methode stellt eine selbst durchgeführte Fastenkur kein vollständiger Nahrungsverzicht dar. Konsumiert werden zumeist Fastensuppen und Gemüsesäfte sowie sogar Reis, Hafer oder Nüsse. Auf eine ausreichende Eiweißzufuhr ist zu achten! Begleitet wird die Fastenkur mit ungesüßten Tees oder Bitterstoffen und Fastensuppen. Verschiedene Kräuter wie Löwenzahn, Mariendistel Gundelrebe oder Brennnessel sind bekannt dafür, die Leber und Nieren zu unterstützen.
Der Nahrungsverzicht über mehrere Tage sollte von einem Arzt oder Fastenbegleiter überwacht werden, denn Fasten ist nicht für jeden gleichermaßen geeignet. Menschen mit bestimmten Grunderkrankungen wie Herz-Kreislauferkrankungen oder entzündlichen Darmerkrankungen, Schwangere und stillende Frauen sollten vor dem Beginnen einer Fastenkur einen entsprechend ausgebildeten Arzt konsultieren. Vor dem Beginn des Fastens sollte die Zielsetzung, Dauer und Möglichkeiten geklärt werden. Außerdem gehört die die allmähliche Reduzierung der Nahrungsaufnahme und eine ausreichende Versorgung mit Nährstoffen vor dem eigentlichen Fasten zur Vorbereitung. Vielfach empfohlen wird eine ausgiebige Darmreinigung. Diese ist nach unserem heutigen Wissen hinderlich. Ein gesunder Darm stellt ein Ökosystem dar, das nicht wie ein Abasserkanal gereinigt wird.
Die Palette an Maßnahmen kann je nach Lust und Laune erweitert werden: Ölziehen, Wechselduschen oder Saunagänge, stoffwechselanregende Massagen oder Spaziergänge an der frischen Luft. Die Möglichkeiten sind vielfältig und unterschiedlich. Was für die eine Person funktioniert, kann für eine andere nicht die gewünschten Ergebnisse bringen. Auf die eigenen Körpersignale zu hören und den Fastenansatz individuell anzupassen, ist daher unerlässlich. Außerdem kann der Austausch mit Gleichgesinnten oder die Begleitung durch Fachleute eine wertvolle Unterstützung bieten, insbesondere für Fastenneulinge. Zum Fastenbrechen werden dann leicht verdauliche und nahrhafte Lebensmittel konsumiert, um den Körper schonend wieder mit Energie zu versorgen.
Insgesamt stellt jede Form des Fastens eine tiefgreifende und transformative Erfahrung dar, die weit über den Verzicht hinausgeht. Nahrungsabstinenz eröffnet neue Perspektiven für Gesundheit, Wohlbefinden und Achtsamkeit. In Welt des Überflusses, in der wir von Nahrungsmitteln und Ablenkungen überflutet werden, kann der bewusste Verzicht eine erfrischende Möglichkeit sein, den eigenen Körper und Geist neu zu entdecken. Dann ist weniger doch mehr!
Verfasserin, Mag. pharm. Dr. Gabriele Kerber Baumgartner, Apothekerin Apotheke Hofwiese